Alex Capus’ Notizen

Neunmalkluge, Rechthaber und Alleswisser

Wochenlang zerbrachen sich die Gäste der Galicia Bar die Köpfe über die rätselhafte Reklameschrift, die beim Abbruch des sechsstöckigen Wohnblocks gegenüber nach vielleicht sechs Jahrzehnten wieder ans Tageslicht getreten war.

„KA- – – – DM – -, VORHÄNGE, TEPPICHE, MÖBEL“

WandSechs Buchstaben fehlten. Wie mochte der Inhaber des Möbelgeschäfts geheissen haben? Wild schossen die Spekulationen der Neunmalklugen, Rechthaber und Alleswisser ins Kraut, die in der Galicia Bar erfreulicherweise überproportional stark vertreten sind.
Ein lokaler Schriftsteller mit Hang zu historisch vergangenen Geschichten, seinerseits selber ein grosser Schwadroneur vor dem Herrn, hatte die Lösung zwar mit grosser Sicherheit schon am ersten Tag gefunden („Karl Widmer hiess der Mann, Ihr Deppen! Ist doch klar!“).
Aber da ihm die anderen nicht glauben wollten, fragte er im Oltner Stadtarchiv nach. Hier die wissenschaftlich verbürgte und deshalb doch wohl unanfechtbare Auskunft des Stadtarchivars Marc Hofer: „An der Unterführungsstrasse 29 war tatsächlich eine Möbelhandlung Karl Widmer domiziliert und zwar mindestens von 1929 bis 1958/59. Dieselbe Möbelhandlung hatte auch von 1916 bis 1958/59 einen Standort an der Liegenschaft Aarauerstrasse 31, die unmittelbar südlich an die Unterführungsstrasse 29 angrenzt.“
Da habt Ihr’s, Ihr Deppen!

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Alex Capus‘ Notizen

WM ade!

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Die brasilianischen Fans hatten nicht viel zu lachen.

Nun ist die WM gottseidank vorüber, wir haben getreulich fast alle Spiele im Saal gezeigt. Jetzt ist die Leinwand wieder eingerollt und die Verdunkelung aufgehoben. Aber eine Weile kann man nun noch darüber reden, wie schön doch alles war.
Marco zum Beispiel erzählt: “Meine Frau ist Brasilianerin, zum WM-Halbfinal gegen Deutschland wollte sie unbedingt zum Public Viewing in die Galicia Bar. Eine Stunde vor Anpfiff waren wir da. Zwei Freundinnen waren mitgekommen, festlich gelb-grün gekleidet und mit kleinen aufgemalten Brasil-Fahnen auf den Wangen. Wir haben eine Runde Bier geholt und dann noch eine, und dann haben wir uns gewundert, wie leise der Fernseher eingestellt ist. In Brasilien dröhnt er immer und überall auf voller Lautstärke, das gibt Stimmung. Aber die Svizzerotti mögen halt keine Stimmung. Die sind immer leise und höflich. Immer ein bisschen lasch.
Das Spiel war anfangs nicht so toll. Ich habe noch eine Runde Bier geholt, dann musste ich kurz hinunter zur Toilette. Kaum stehe ich vor dem Pissoir, höre ich oben: Tor! Ich drehe also ab und gehe zum Waschbecken, um mir die Hände zu waschen. Da brüllt’s schon wieder: Tor! Und kaum habe ich mir die Hände getrocknet und kontrolliert, ob der Hosenstall wirklich zu ist, brüllt’s schon wieder: „Tor!“
Ich also wieder die Treppe hoch und rein in den Saal, um meine Frau zu trösten. Die zwei Freundinnen waren in Tränen aufgelöst, und meine Frau fand das Leben auch nicht mehr schön. Bei Halbzeit sind wir nach Hause gefahren. An jenem Abend sind wir früh schlafen gegangen. Nachdem ich das Licht gelöscht hatte, sagte ich zu meiner Frau: „Sei froh, dass ich nur pinkeln musste. Sonst hätte Brasilien zehn zu eins verloren.“

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