Cormund`s Bargeschichten

Elch Oskar knutscht den Spanier

Elch Oskar beobachtet erhaben und geduldig alles von oben. Fotos: André Albrecht
Elch Oskar beobachtet erhaben und geduldig alles von oben in der Galicia Bar. Fotos: André Albrecht

Wie kommt ein Elch nach Olten? Und wie kommt der Riese aus dem hohen Norden zum Spanier um die Ecke? Das mögen sich sicher einige Besucherinnen und Besucher fragen, wenn sie den mächtigen Kopf des Tieres neben dem grossen Spiegel vis-à-vis zur Treppe zum Untergeschoss entdecken. Der Elche ist eines der „Kuscheltierchen“ des Spaniers. Stolz mit prächtigem Geweih hängt er an der Wand. Seine verhältnismässig kleinen, glasigen Augen färben sich im Scheinwerferlicht pink. Gefangen an seinem Platz, verfolgt er erhaben das Getümmel der Gäste, die im Rhythmus der Musik mit wippen, freudig miteinander anstossen, lachen, tanzen, sich von ihren Emotionen tragen lassen, plappern, schwatzen, sich amüsieren, lallen und torkeln.  Still und leise mit stechendem Blick beobachtet er kuriose und komische Szenen. Und ist das Fest zu Ende, erklingt der letzte Ton und die Gäste gehen heim, so entrichtet der stoische Beobachter ihnen mit geblähten Nüstern stumm seinen Gruss.

Von Norwegen nach Olten

Sein staubiges, mattes Fell und sein lädiertes Maul können viel erzählen: vom Leben in unebenem und schwergängigem Gelände, auf nordischen Matten, in der Prärie und in Sumpfwäldern. Von kalten Nächten unter dem klaren Sternenhimmel und eisigen Winden, die durch die baumlose Arktis fegen. Doch es ist lange her, dass der Elch – ich nenne ihn Oskar – in einem  für ihn viel zu heissen Klima gelandet ist.  Wer sein Ableben besiegelt hat und wie er dann in die Hände des Präparators gelangt ist, ist Oskars Geheimnis. Doch seine Reise ins Galicia ist fast legendär: In Norwegen geschossen, kam er ins  Ballymuseum in Schönenwerd. Dort gab es eine ganze Abteilung von präparierten und ausgestopften Tieren.  Der Hausherr des Galicias erfuhr aus dem Oltner Tagblatt, dass diese naturwissenschaftliche Abteilung aufgelöst und die Tiere versteigert wurden. Sein Interesse galt dem Elch. Dieser blieb bis am Schluss übrig und ging für 100 Frank in den Besitz des Schriftstellers über. „Ich  transportierte den Elchkopf mit dem Veloanhänger nach Hause. Seit dann begleitete er mich immer. Er zierte lange Zeit mein Heim, bis er seinen neuen Platz in der Galicia Bar bekam“, beschreibt Alex Capus.

Ein schmatzender Kuss

Elch_02Mittlerweile ist er ein treuer Gefährte des Spaniers geworden. Gemeinsam verbringen sie die Nächte: Geduldig und ruhig verfolgt Oskar die Eskapaden des feurigen Spaniers, beobachtet den lebensfreudigen Gastgeber wie er mit seinen Freunden auf der Tanzfläche herumwirbelt, sich im regenbogenfarbigen Lichtkegel um die eigene Achse dreht. Wie er voller Euphorie die Konzerte geniesst und mit einem schäumenden Bier in der Hand das Leben zelebriert. Wie er sich genüsslich eine Zigarre anzündet und und deren Aroma tief inhaliert. Und erzählt der Spanier unrasiert, stinkend nach Alkohol, von seinen Alltagssorgen und vom Elend dieser Welt, so nickt Oskar stumm und verständnisvoll. Sind die Lichter dann erloschen und das Mondlicht taucht den Raum in ein eigentümliches Licht, so erwacht der einstige Bewohner der Arktis zum Leben und besucht den Spanier in seinen Träumen. Er nimmt ihn mit in eine Welt fern der Agglomeration. In eine Welt, wo die Gestirne und Gezeiten der Natur regieren. In eine Welt, wo sich Zauber und Magie die Hand geben und Oskars warmer Atem Eiskristalle zum Leuchten bringt.  In eine Welt, wo zauberhafte Gedanken ganze Städte erbauen und bizarre Wünsche in Erfüllung gehen. Und in besonders kalten Nächten schmiegt er sein weiches Maul an die raue Backe des Spaniers und gibt ihm einen schmatzenden Kuss.

Corinne_KolummneHinter „Cormund“ steckt die Oltner Journalistin und Autorin Corinne Remund, die direkt hinter dem Galicia wohnt, Stammgast und liebe Freundin des Hauses ist. Sie schreibt für uns sporadisch kurze Geschichten rund um die Galicia Bar.

 

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