Ein Text von Alex Capus in der Zeitung „moneta“ zur Stadt Olten

In der aktuellen Ausgabe von „moneta“, der Zeitung der Alternativen Bank Schweiz, schreibt Galicia-Chef Alex Capus über „sein“ Olten — die Stadt, in der die ABS seit 25 Jahren ihren Sitz hat. Zur online Ausgabe des „moneta“

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Olten – Stadt der Alternativen

Wieso ich in Olten lebe? Weil ich hier so frei bin wie ­sonst ­nirgends.­In­ Olten ­bieten ­sich­ mir­ Möglich­keiten — Alternativen —, die ich anderswo nicht ­hätte. Hier ­bin­ ich ­freier­ als­ in­ Basel,­ Frankfurt­ oder­ Hamburg. Das meine ich ernst.

von Alex Capus

[two_columns_one]Ich bin beruflich oft in grossen Städten un­terwegs. Nur dass ich die grossen Städte oft kaum auseinanderhalten kann, weil sie sich so sehr aneinander angeglichen haben im globalisierten Kapitalismus. Überall die glei­chen Fussgängerzonen mit H&M und Zara, Douglas und Fielmann, Thalia und Nordsee und Starbucks und so weiter. Ist das jetzt Zürich, München oder Oldenburg? Überall dasselbe Bild mit geringfügigen Variationen von Helsinki über Oslo bis nach Innsbruck, Bern und Basel.
Der Grund für diese grassierende Unifor­mität liegt natürlich darin, dass das Geld im Kapitalismus bekanntlich eine Tendenz hat, sich zu konzentrieren — und zwar nicht nur in den Händen einiger weniger, sondern auch an immer weniger Orten. Deswegen hat sich in den Metropolen in den letzten Jahrzehn­ten so viel Geld angehäuft, dass nur finanz­starke Konzerne sich halten können. Alle an­deren — die Kleinen, die Schwachen, die kulturell Engagierten — werden an die Peri­pherie gespült.
Olten ist da ganz anders. Olten hat weder H&M noch Zara oder Starbucks, weil es noch nicht als Tummelplatz für grosses Geld ent­deckt wurde. Da bin ich froh. Wenigstens zu Hause bleibt mir das immergleiche Ein­erlei erspart. Andererseits ist es aber auch nicht so, dass Olten deswegen ein kulturel­les Eldorado oder die Welthauptstadt ori­gineller, inhabergeführter Läden und Bou­tiquen wäre — das Lädelisterben grassiert auch hier, und kulturell ist’s im Städtchen doch ein bisschen duster. Gerade das aber ist das Schöne an Olten: Dass nicht alles schon da ist. Die Menschen sind zwar da und die Häuser auch und die Luft und der Boden, aber es gibt viele Leerstellen und Brachen, die darauf warten, dass jemand sich ihrer annimmt; ideelle und geografische Brachen genauso wie kulturelle und soziale. Wer hier in der Steppe etwas machen will, kann das tun. Man muss einfach machen. Es braucht nicht unbedingt zwanzig Diplome und sie­ben Förderprogramme und fünf Investoren und drei Patenonkel und Strippenzieher — es reicht, wenn einer eine Idee hat und einfach macht.
Deswegen gefällt mir Olten. Hier kann ich in grossem Masse tun, was ich für richtig, gut und wichtig halte, darum bin ich frei. Als ich beschloss, Schriftsteller zu werden, habe ich mich hingesetzt und Geschichten ge­schrieben;[/two_columns_one]
[two_columns_one]wäre ich in Berlin aufgewachsen, hätte ich mit grosser Wahrscheinlichkeit meine Zeit in literarischen Salons vertan und wäre so beeindruckt gewesen, dass ich nie eine Zeile geschrieben hätte. Und wenn ich doch in die Gänge gekommen wäre, hätte ich beim Schreiben dauernd an diese oder jene Modeströmung, an diesen oder jenen Kritiker und all die Türwächter bei den Ver­lagen gedacht. In Olten hingegen gibt es kei­ne Modeströmungen, keine Kritiker und keine Türwächter. Hier konnte ich mich ein­fach hinsetzen und schreiben, was mir aus der Seele kam. Deswegen, so meine ich, ist provinzielles Brachland kulturell schon im­mer der fruchtbarste Boden gewesen. Alle grossen Künstlerinnen und Künstler haben ihre Wurzeln auf dem Land. Anton Tsche­chow, Dürrenmatt, Alice Munro, Flaubert, Pi­casso, Anne­Sophie Mutter — alles Landeier. Gewiss sind die meisten von ihnen irgend­ wann in die Metropolen gegangen, wo die grossen Bühnen stehen. Aber ihre Kraft und ihre Einzigartigkeit hatte sich in der provinziellen Brache entfaltet.
Es muss ja nicht immer Kunst sein, man muss als Mensch auch einfach mal in die Kneipe gehen. Deswegen finde ich es schade, dass in Olten wie anderswo das Lädelister­ben auch vor den Quartierbeizen nicht halt­ macht. Und als ich kürzlich bemerkte, dass es in Olten keine Bar mehr nach meinem Geschmack gibt, kaufte ich an der Unter­führungsstrasse ein brachliegendes Haus und eröffnete die Galicia Bar. Wir stehen nun schon im zweiten Betriebsjahr. Die Bar ist, wie ich in aller Bescheidenheit be­merken möchte, das coolste Jugendzentrum für Fünfzigjährige weit und breit. Konzerte kosten zehn oder zwanzig Franken Eintritt, ein Kaffee dreifünfzig und ein Glas Haus­wein vier Franken. Das ist nur möglich, weil ich das Haus zu einem Preis erwerben konnte, für den ich in Basel oder Zürich allenfalls eine Baubaracke bekommen hätte. Wir haben wenig finanziellen Druck, der Betrieb muss nur sich selber tragen und nicht auch noch die Rendite anonymer In­vestoren. «Deine Bar ist wie das Atlantis in Basel vor vierzig Jahren!», sagte kürzlich mein Basler Schriftstellerfreund Patrick Tschan. «Das gibt es bei uns nicht mehr. Basel ist komplett aufgeräumt.»
Das ist der grosse Vorteil an Olten: Das grosse Geld hat hier noch nicht aufgeräumt. Weder am Boden noch in den Köpfen. Noch nicht.[/two_columns_one]
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Zur französichen Ausgabe / edition française

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